Predigt: Johannes 19,9‑11 | NEU


PFARRER i.R. MATTHIAS KRIESER



Oben und unten



Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Ein minder­jähriges Kind untersteht seinem Vater und seiner Mutter; sie üben die elterliche Gewalt über das Kind aus. Wenn Vater oder Mutter angestellt sind, dann unterstehen sie dem Chef. Der Chef seinerseits muss sich den Gesetzen unter­ordnen, die die Regierung beschließt – die „Obrig­keit“, wie man früher sagte. Eine moderne Regierung hat allerdings weniger Macht als ein König oder ein Kaiser in früheren Zeiten, denn eine moderne Regierung ist in einem Rechtsstaat abhängig vom Parlament und von einer un­abhän­gigen Justiz, auch von den Medien und letztlich von der Gunst der Wähler. Die Könige und Kaiser früherer Zeiten waren als absolute Herrscher wirklich ganz oben; sie hatten die höchste Macht – aber nur inner­weltlich und für begrenzte Zeit. Für immer ganz oben über allen ist der Höchste, der allmächtige Gott. Er steht über Kaisern, Königen, Re­gierungen, Chefs, Erwachsenen und Kindern. Eine solche Rangordnung der Macht nennt man eine Hierarchie.

Zur Zeit Jesu war der römische Statthalter von Judäa ziemlich weit oben in der Hierarchie, und Jesus, sein Gefangener, war ziemlich weit unten. Deshalb bekennen wir im Glaubens­bekenntnis: „Gelitten unter Pontius Pilatus.“ Über Pontius Pilatus hatte nur noch der Kaiser in Rom Macht (das war damals Tiberius) – und natürlich Gott. Als Pilatus versuchte, Jesus mit Hinweis auf seine Macht ein­zuschüch­tern, antwortete Jesus ruhig: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nich von oben her gegeben wäre.“ Merkt ihr die Doppel­deutigkeit dieser Antwort? „Von oben her“ – das bedeutet vom Kaiser in Rom her, der den Statthalter eingesetzt hat. „Von oben her“ – das bedeutet auch von ganz oben her, nämlich von Gott. Denn kein Mensch hätte irgend­welche Macht auf Erden, wenn der Höchste sie ihm nicht einräumte. Eigentlich klingt sogar noch etwas Drittes in diesem „Von oben her“ an: Pilatus hatte Jesus kurz vorher gefragt, woher er käme, und da hat Jesus zunächst ge­schwiegen. Aber er hatte dem Volk in seinem Predigten immer wieder klar gesagt: Ich komme von oben her, von ganz hoch oben, von meinem Vater im Himmel, der mich gesandt hat.

Da merken wir, dass hier eigentlich kein Verhör statt­findet, sondern ein Gespräch wie auf Augenhöhe. Wir merken: hier stehen sich eigentlich zwei Machthaber gegenüber, und der, der äußerlich der Mächtigere zu sein scheint, ist in Wahrheit der weniger Mächtige. Jesus ist ja der Sohn des Höchsten, dem Pilatus aber ist die Macht nur für begrenzte Zeit „von oben her“ gegeben, vom römischen Kaiser und letztlich von Gott. Dass Jesus es sich gefallen lässt, von diesem Mann misshandelt und an Ende zum Tode verurteilt zu werden, gehört zu seiner Er­niedrigung, zum Verzicht auf seine Gott­gleich­heit. Der ganz Mächtige wird zum Machtlosen, der ganz Freie zum Gefangenen, der Ewige zum Sterbenden! Für uns hat er das getan, für dich und für mich, um uns zu erlösen.

Jesus sagte noch mehr in seiner Antwort an Pilatus. Er sagte: „Der mich dir über­antwortet hat, der hat größere Sünde.“ Sünde ist nichts anderes als miss­brauchte Macht. Wer frei ist, der kann seine Freiheit zum Guten oder zum Bösen nutzen. Wer über anderen steht, kann diese entweder beschützen oder unter­drücken. Gott möchte, dass jeder Mensch ver­antwort­lich umgeht mit dem Maß an Macht, das er ihm verliehen hat – ganz egal, an welcher Stelle der mensch­lichen Hierarchie einer steht. Pontius Pilatus wurde diesem Anspruch nicht gerecht. Er erkannte nämlich bald, dass Jesus unschuldig ist, und da hätte er ihn vor dem Volk schützen und freilassen müssen. Aber wider bessere Einsicht lässt er ihn foltern und hinrichten. Pilatus war auch sonst für seine Grausamkeit bekannt. So lud Pilatus Schuld auf sich. Aber größere Schuld, sagte Jesus, hat der, der ihn zu Pilatus gebracht hat. Das war der amtierende Hohe­priester gewesen mit dem Hohen Rat. Der kannte ja Gott, den Höchsten, viel besser, als Pilatus ihn kennen konnte. Der wusste viel mehr von Gottes Anspruch an ihn, und der hätte darum seine Ver­antwor­tung besser wahrnehmen können. Vor allem kannte der Hohe­priester die Schriften der Propheten, das Alte Testament. Da ist ja der Messias ausführlich an­gekündigt, und wer Jesus ein bisschen kennen­gelernt hatte, konnte merken, dass all die Messias-Ver­heißun­gen auf Jesus zutreffen. Als erster hätte das der Hohe­priester merken müssen, der höchste Machthaber im jüdischen Volk. Stattdessen befand er Jesus des Todes schuldig und über­lieferte ihn in die Hände des Heiden Pontius Pilatus. Pilatus hatte Schuld an Jesu Tod, der Hohe­priester aber hatte größere Schuld.

Wir sehen: Jesus weiß Sünde zu differen­zieren. Er behandelt keinen ungerecht und fällt keine Pauschal­urteile. So geht er auch mit uns um. Er weiß, welche unserer Sünden klein sind und welche schwer wiegen – und wenn wir ein Gewissen haben, dann merken wir das selbst. Das sollte uns dann dazu führen, dass wir die meiste Energie in den Kampf gegen die wirklich schweren Sünden stecken, damit wir nicht großes Unheil anrichten. Zu solcher Sünden­erkenntnis hilft es uns, wenn wir uns klar machen, an welcher Stelle der mensch­lichen Hierarchie wir stehen und was uns Gott da für Ver­antwor­tung übertragen hat. Martin Luther hat wohl­überlegt die sogenannte Haustafel zur Vor­bereitung auf die Beichte empfohlen, mit der jeder bedenken soll, was er an seinem Platz zu tun hat – sei es mehr oben oder mehr unten.

Wie verhalten wir uns, wenn wir oben sind? Beschützen wir die, die unter uns sind, oder unter­drücken wir sie? Wie verhalten wir uns, wenn wir unten sind? Ehren und gehorchen wir denen, die Macht über uns haben, oder verachten wir sie, machen wir uns lustig über sie, lehnen wir uns gar innerlich oder äußerlich auf? Ja, die Sache mit dem Oben und dem Unten, die Jesus da mit Pilatus besprach, kann uns die Augen öffnen für unsere Schuld. Vor allem aber kann sie uns die Augen öffnen für den, der unsere Schuld überwindet. Es ist der, der hier scheinbar ganz unten ist, in Wahrheit aber ganz oben. Er ist in die tiefste Tiefe gegangen, damit wir nicht in unserer Sünde zugrunde gehen. Er ist in die tiefste Tiefe gegangen, damit wir versöhnt werden mit dem himmlischen Vater. Ja das hat er bewirkt, dieses Heilswerk hat er für uns vollbracht. Wir stehen nun in liebevoller Gemein­schaft mit dem Höchsten, und das soll in Ewigkeit so bleiben. Nicht, dass damit die Hierarchie aufgehoben wäre: Gott bleibt oben, und wir bleiben unten; wir sollen ihn nicht nur lieben, sondern auch fürchten und ehren. Aber seine Macht hat dank Christus nichts Be­drohliches für uns; sie gleicht der Macht, die liebevolle Eltern über ihre Kinder haben. Wir können uns beim Höchsten ganz geborgen fühlen und dürfen ihm im Gebet alles an­vertrauen. So darf unser Blick freudig und vertrauens­voll sein, wenn wir ihn zum himmlischen Vater erheben. Und wir dürfen uns auch dankbar bewusst machen, dass alle mensch­lichen Machthaber dazwischen ihre Macht nur auf Zeit von unserem Vater verliehen bekommen haben; wir brauchen ihnen niemals so sehr zu gehorchen oder zu vertrauen wie ihm, und wir müssen auch keine Angst vor ihnen haben. Amen.



Quelle: www.predigtkasten.de

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