Predigt: Johannes 19,18 | NEU


PASTORALREFERENTIN DR. THEOL. ANDREA GRÜNHAGEN



Passionsandacht Kreuz – Holz – Baum (Johannes19,18)

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere auf beiden Seiten, in der Mitte aber Jesus.


Liebe Gemeinde,

bGoerlitz Heiliggrab Kircheitte nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, das Foto zu betrachten. Hier ist diesmal nicht ein Detail der Leidensgeschichte abgebildet, auch nicht eine Szene der biblischen Erzählung, sondern zu sehen und zu entschlüsseln ist ein Symbol. Ein Symbol ist ein Sinnbild, bei dem man zwei Dinge zusammenbringen muss. Das Wort kommt von griechisch „symballein“, etwas zusammenwerfen. Zusammenzubringen sind ein Gegenstand und seine übertragene Bedeutung. Das macht den Umgang mit Symbolen oft schwierig. Man muss das Gemeinte sozusagen entschlüsseln. Und dann kann die Bedeutung in unterschiedlichen Kontexten und für unterschiedliche Menschen immer noch etwas verschieden sein. Ein Symbol kann also auch nicht funktionieren. Auf jeden Fall muss man sich aber auf die Übertragung von der Sache auf das Gemeinte einlassen.

Das werden wir jetzt gleich einmal versuchen. Ich möchte Ihren Blick bei diesem Foto nicht auf das zu sehende Gebäude (es handelt sich um die Golgatha-Kapelle der mittelalterlichen Heilig-Grab-Anlage in Görlitz) lenken, sondern auf die Bäume in der Bildmitte. Haben Sie eine Idee, was die symbolisieren sollen?

Ich will es Ihnen verraten: Die drei Bäume stehen für die drei Kreuze auf Golgatha. Der Evangelist Johannes berichtet: „Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere auf beiden Seiten, in der Mitte aber Jesus.“ (Joh. 19,18) Also drei Kreuze – drei Bäume.

1. Kreuz
Denken wir also zunächst über das Kreuz nach. Die Kreuzigung war eine barbarische und entwürdigende Todesstrafe. Genau genommen ist sie es noch, denn es gibt Länder auf der Welt, in deren Strafgesetz sie durchaus noch vorgesehen ist. Man kann zwar philosophisch fragen, ob nicht jede Hinrichtungsart eine Form der Barbarei ist, für diejenigen, die der Sache ausgeliefert sind, spielt das „Wie“ aber wohl doch auch eine Rolle. Und da war der Tod am Kreuz eben so entsetzlich, weil er mitunter bis zu drei Tage auf sich warten ließ, weil er sehr qualvoll war und weil er in aller Öffentlichkeit stattfand. Das war gerade von den Römern wegen der abschreckenden Wirkung beabsichtigt. Das Kreuz war das klassische Folterinstrument für entlaufene Sklaven und politische Aufrührer. Es galt als besonders ehrlose Hinrichtungsart, deshalb durften römische Bürger auch nicht gekreuzigt werden. Den Apostel Paulus hat sein römisches Bürgerrecht ja auch davor bewahrt, er ist enthauptet worden, während Petrus als Jude gekreuzigt wurde.

Man kann sich vorstellen, wie schwer es für die ersten Christen im Römischen Reich war, dass ihr Symbol, das Kreuz, für ihre Umwelt ein Zeichen der Schande und der Niederlage war. Es hat dann fast 300 Jahre und eine göttliche Vision erfordert, bis Kaiser Konstantin, der das Christentum zur „erlaubten Religion“ im römischen Reich erklärte, begriff, dass es genau umgekehrt ist. „In hoc vinces!“– „In diesem Zeichen wirst du siegen“ lautete die Botschaft in der Vision an ihn. Konstantin verstand das sehr handfest militärisch und eine entscheidende Schlacht hat er mit dem Kreuz als Feldzeichen dann auch gewonnen. Damit hat allerdings auch eine Geschichte des Missbrauchs des Kreuzes begonnen. Und diese Geschichte geht bis heute noch weiter, wenn z.B. Menschen das Kreuz als politisches Statement benutzen.

Für den Kaiser Konstantin war das Kreuz also wichtig geworden, so wichtig, dass seine Mutter, die Kaiserin Helena, im Jahr 325 n. Chr. eine Reise ins Heilige Land unternahm, um Überreste der heiligen Stätten zu suchen und, so wird es mindestens erzählt, auch tatsächlich das Kreuz Jesu fand. Das ist alles gar nicht ganz so unwahrscheinlich, wie manche denken, allerdings auch nicht zweifelsfrei bewiesen. Jedenfalls wurden Splitter des Kreuzes Christi zu den wichtigsten Reliquien der Christenheit, bis die Reformation diesem Brauch für weite Teile derselben ein Ende bereitete. Für diejenigen, die nicht wie die Kaiserin Helena nach Jerusalem pilgern konnten, baute man im Mittelalter die heiligen Stätten in verkleinertem Maßstab nach. Von einem solchen Nachbau in Görlitz, der bis heute erhalten ist, stammt das Foto, das wir betrachten.

Also, das Kreuz, ein Siegeszeichen. Das meint natürlich im tiefsten Sinne den Sieg Christi über Tod und Teufel.

2. Holz
Paulus sagte, das Kreuz sei für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit. Nachdem, was wir gerade über die Römer gesagt haben, können wir das mit den Heiden verstehen. Ein Gott, der den Sklaventod stirbt, verrückter geht es ja gar nicht. Aber wie war das nun mit den Juden? Für das Judentum hatte die Kreuzigung als Hinrichtungsart nicht nur eine menschliche, sondern auch eine religiöse Dimension. In 5. Mose 21,23 heißt es: „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tag begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott.“ Ob diese Bibelstelle nun den widerlichen Brauch meint, den Leichnam von Hingerichteten oder getöteten Feinden öffentlich zur Schau zu stellen, indem man sie an einen Baum hing, oder einen Holzpfahl gleich als Hinrichtungswerkzeug benutzt und damit schon den Tod zu einem öffentlichen Vorgang macht, ist hier nicht wichtig. Diese Entwürdigung musste eine Grenze haben. Nichtsdestotrotz war „verflucht, der am Holz hängt“, so die wörtliche Übersetzung.

Auch Jesus sollte nicht über Nacht am Kreuz hängen bleiben, zumal der nächste Tag ein Sabbat und der Beginn des Passafestes, also ein hoher Feiertag war. Wie konnte also dieser Jesus, der doch offensichtlich ein von Gott Verfluchter war, da er ja am Holz hing, der Messias Israels sein? Vor dieser Frage stehen weite Teile des Judentums heute noch.

Erst wer zum Glauben an den Sohn Gottes gekommen ist, erkennt, dass das Kreuz kein Fluchzeichen, sondern ein Heilszeichen ist, weil am Kreuz das Heil der Welt erkämpft wurde. Am Holz des Fluches hat der Sohn Gottes den Fluch der Sünde getragen und ihn damit überwunden.

3. Baum
Wir haben zu Beginn gesagt, ein Symbol könnte auch nicht funktionieren. Das passiert immer dann, wenn der Sache (also dem Begriff oder Gegenstand) verschiedene oder möglicherweise auch nicht sachgerechte Bedeutungen zuordnet werden. Wenn also das „Zusammenwerfen“ schiefgeht. Oder jemand der Sache gar keine Deutung mehr zuordnen kann. In meinem Schulpraktikum habe ich erlebt, dass ein Junge immer von einem „Vampirabwehrzeichen“ sprach. In einem anderen Zusammenhang war das Kreuz in seinem Umfeld noch nie vorgekommen. Das erleben wir immer wieder. Keine falsche Deutung, sondern Gedankenlosigkeit liegt vor, wenn ein Kreuz einfach so als Schmuck getragen wird. Der christliche Liedermacher Manfred Siebald hat dazu mal ein Lied geschrieben, das fängt so an: „Das kleine Kreuz um deinen Hals, das trägt sich gut, nicht so wie das, an dem einst Jesus Schweiß vergoss. Da ist kein Dreck mehr dran und nichts mehr von dem Blut, das da für dich und mich und unsre Schulden floss …“. Und manchmal begegnen uns sogar in unserer Kirche Menschen, die können das Symbol Kreuz nicht mehr als Siegeszeichen oder als Heilszeichen entschlüsseln, das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Aber wenn wir nun selbst einmal sagen sollten, was uns das Kreuz bedeutet, warum wir es in unseren Wohnungen aufhängen, es um den Hals tragen, es als Signet für unsere Kirche verwenden oder uns bekreuzigen – ja was dann?
Deshalb habe ich Sie zu Anfang gebeten, sich das Foto mit den drei Bäumen anzusehen. Das Bild kann uns helfen, eine weitere Bedeutung des Kreuzes zu entdecken. Und dieses Symbol ist sogar schon ziemlich alt. Überlegen Sie einmal, wo überall Bäume in der Bibel vorkommen. Da gibt es zum Beispiel immer wieder das Bild des austreibenden Zweiges, des wieder ausschlagenden Wurzelstocks, der tote Stab Aarons, der zu grünen beginnt, die fruchtragenden Bäume im Paradies. Man könnte noch mehr aufzählen. Jedenfalls war der Schritt, das Kreuz von Ostern her als einen Baum zu verstehen, aus dessen totem Holz das Leben wieder hervorgrünt und der reichte Frucht trägt, nämlich die Verdienste Christi, gar nicht groß. Da wird das Kreuz ein Zeichen des Lebens. Das ist etwas, das wir und auch Menschen, die nicht viel vom christlichen Glauben wissen, unmittelbar verstehen können. Wir finden diesen Vergleich sogar in unserer Agende. Am Sonntag Judika, und falls am Karfreitag eine Abendmahlfeier stattfindet, betet der Liturg bei der Abendmahlsliturgie: „Durch ihn (Christus) hast du das Heil des menschlichen Geschlechtes vollbracht am Stamme des Kreuzes und wie der Tod durch Adams Ungehorsam am Baum des Paradieses den Anfang genommen, so ist am Holz des Fluches das Leben wieder entsprossen durch deines Sohnes Gehorsam…“ Das ist echt erstaunlich: was ich Ihnen hier seit fast einer Viertelstunde erzähle, vom Kreuz, vom Holz und vom Baum, das schafft die Liturgie in zwei Zeilen. Vielleicht kann uns ja das Bild von den drei Bäumen helfen, diese Zusammenhänge nicht mehr zu vergessen.

Die drei Bäume auf dem Foto sind übrigens Linden. Dass man mit bestimmten Bäumen bestimmte Eigenschaften verbindet, ist ja nichts Neues. Hier in Hannover fällt uns da zum Beispiel das „Niedersachsenlied“ ein: „Fest wie unsre Eichen halten alle Zeit wir stand…“ Und was den Niedersachsen ihre Eichen, sind den Sorben in der Lausitz (und da liegt Görlitz ja geographisch) ihre Linden. Nur sind Linden in dieser Symbolsprache so ziemlich das Gegenteil von Eichen. Sie haben weiches Holz, das die Holzbildhauer und Spielzeugmacher gern verwenden. Linden duften, ihre Blüten sind eine gute Bienenweide und helfen bei Erkältungen. Wenn also die Menschen am Heiligen Grab in Görlitz den Weg zur Golgatha-Kapelle hochgehen, dann können sie sehen, vielleicht auch riechen und spüren: Im Kreuz ist Leben, es bewirkt etwas Gutes, Heilung, es ist sanft, lind, wie ja das Wort schon sagt. Ein Siegeszeichen, ein Heilszeichen, ein Lebenszeichen: Kreuz– Holz– Baum, das wollen wir mitnehmen von diesem Bild.

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