Predigt: Matthäus 26,47 | NEU


PFARRER ANDREAS OTTO



Gegenstände der Passion: „Die Stangen“ (Matthäus 26,47)

Als Jesus noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes.


Liebe Passionsgemeinde!

Über vieles könnte man reden, wenn man über die Gartenszene in Gethsemane nachdenkt. Da ist einiges, was haften bleibt oder man vor Augen hat:

Jesus selbst, wie er dort im Garten Gethsemane steht. Oder Judas, wie er im Pulk der Hohenpriester in den Garten marschiert. Vor meinem inneren Auge könnte ich mir auch vorstellen, wie sie Fackeln dabeigehabt haben. All das bleibt haften … Doch worum soll es in dieser Auslegung gehen? Um die Stangen, die die große Schar dabeihatte. Ja, tatsächlich Stangen. Wieso bitte das? Über all das andere könnte man doch bestimmt viel mehr sagen.

Doch es muss einen Grund gehabt haben, warum der Evangelist Matthäus dieses Detail mit in die Passionsgeschichte aufnimmt, das man leicht übersieht. Und es ist Pastor Wilhelm Busch gewesen, von dem ich hier einiges gelernt habe.

Was werden das für Stangen gewesen sein?

Zunächst stelle ich mir lange Stäbe vor, vielleicht auch Lanzen, die die Personen im Garten Gethsemane dabeigehabt haben könnten. Doch wenn man in den griechischen Urtext schaut, wird schnell deutlich, dass es sich um etwas anderes handelt: Das Wort „Stange“, das hier steht, heißt auf Griechisch „ξύλον”. Wir kennen dieses Wort vielleicht von dem Instrument „Xylophon”, dass aus Holzstäben besteht. Das Wort „ξύλον” bedeutet also nichts anderes als „Holz” und somit kam die Schar, die Judas folgte mit „Holzstäben”, die wir im Deutschen besser übersetzen mit Holzknüppeln.

Eine recht eigenartige Szene also: Da befindet sich Jesus Christus im Garten und betet. Er ist tief traurig und ringt wegen seines bevorstehenden Todes mit seinem Vater im Himmel. Und da kommt sein Jünger Judas, der ihm einen abscheulichen, verräterischen Kuss geben wird, hinter ihm ein Pulk von Menschen mit Schwertern und Holzknüppeln, die bereit sind, alles dran zu setzen, damit Jesus ihnen nicht mehr entkommt. Sie sind bereit ihn festzunehmen und für den Fall der Fälle auch niederzuschlagen und zu verletzen, wenn er sich wehren sollte.

Es ist geradezu erschreckend, wie gewaltbereit diese Menge und selbst der Jünger Judas sind, Jesus den Gar aus zu machen. Und wir merken auch, was dieses kleine Wort „ξύλον” (Xylon) alles enthält: Es ist ein Holz, das niederstrecken soll, das verletzen soll, das Fakten schaffen soll: „Wir haben einen Entschluss gefasst und du hast dem zu folgen, Jesus, ob du willst oder nicht.”

Sind wir, die wir heute Abend hier sind, weit davon entfernt? Mit einem Holzknüppel jemanden niederzustrecken wird vermutlich nicht unbedingt auf unserer Tagesordnung stehen. So grob sind wir nicht. Aber mit Worten und Gedanken jemanden niederzumachen, das können wir. Mit übler Nachrede jemanden verletzen oder uns gegenseitig statt Knüppel Worte um die Ohren zu hauen oder auch im Geheimen anderen Menschen, die uns gehörig auf den Wecker gehen, sonst etwas an den Hals zu wünschen, ihnen (im übertragenen Sinn) Knüppel zwischen die Beine zu werfen, das liegt uns. Das steckt in uns Menschen drin, wie ein kleiner Holzsplitter, den wir nicht herausbekommen, sondern der sich immer neu entzündet.

Dass wir so sind, hat mit einem anderen „ξύλον”, also mit einem anderen Holz zu tun. Ganz zu Beginn der Bibel ist von dem „Holz (ξύλον/Baum) der Erkenntnis des Guten und des Bösen” die Rede. Das ist der Baum, von dem Adam und Eva aßen und sich damit Gottes Willen widersetzten.

Da das Wort „ξύλον” nicht sehr häufig in der Bibel vorkommt, ist es schon interessant, dass es ausgerechnet hier in der Passionsgeschichte auftaucht. Es ist, als will der Text uns sagen: Schau dir genau an, was die Menschen für ein „ξύλον”, nämlich für Knüppel in der Hand haben. Und dann schau an den Anfang der Bibel und betrachte, wo die Ursache dafür liegt. Genauso wie der Mensch im Garten Eden, dem Paradies, Gott nicht Gott sein lassen wollte und ihm gegenüberstand, genauso steht auch Judas und die Schar mit den Knüppeln im Garten Gehtsemane dem Sohn Gottes, Jesus Christus, gegenüber.

Und von diesem „ξύλον”, das uns immer wieder dazu bringt, gegen Gottes Gebot und Willen zu handeln, werden auch wir immer wieder magisch angezogen und sind diesen Menschen mit den Knüppeln nicht weit entfernt, wenn wir daran denken, wie oft wir die Liebe zu unseren Nachbarn, Familienmitgliedern, den Menschen, die uns das Leben schwer machen, vermissen lassen.

Und was macht Jesus? Er reagiert nicht so. Er schwingt nicht den Knüppel, zahlt es nicht mit gleicher Münze heim. Aber er macht sich auch das „ξύλον” zunutze. Ist es Zufall, dass dieses Wort, das Knüppel oder Baum heißen kann im Neuen Testament auch noch für etwas ganz anderes benutzt wird? Denn „ξύλον” steht dort für das „Kreuz”. Da ist z.B. vom Fluchholz die Rede, weil ans Kreuz diejenigen gehängt wurden, die in den Augen des Volkes als verflucht galten. Solche, die ihr Leben nun wirklich verwirkt hatten.

Doch warum tat Christus das? Er, der er doch ohne Sünde war? Er tat es für dich und mich, um uns vom Fluch unserer Sünde freizukaufen, um uns zu vergeben für die Knüppel, die wir uns zwischen die Beine werfen und um seine Widersacher, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und auch uns freizukaufen von Schuld und Sünde. Petrus macht das wunderbar deutlich in seinem 1. Brief im 2. Kapitel, wo er schreibt, dass Christus derjenige ist, „der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.” (1. Petrus 2, 24)

Jesus Christus geht diesen schweren Weg, und lädt sich unsere Schuld und Sünde auf seine Schultern, um uns zu retten vor dem ewigen Tod.

Und wer diesem Jesus folgt und darauf vertraut, dass er auch für unsere Sünde diesen Weg gegangen ist, um uns zu erlösen, der wird noch ein letztes Mal mit einem „ξύλον” in Berührung kommen, nämlich dem „Holz des Lebens”, „dem Baum des Lebens”, von dem in der Bibel in der Offenbarung die Rede ist, wo der Seher Johannes schreibt: „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem „ξύλον” des Lebens, dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.” (Offenbarung 2, 7). Was für Aussichten!

„ξύλον” - die Stangen aus der Passionsgeschichte. Ein überflüssiges Detail? Sie können leicht übersehen werden, aber wer sich einmal damit beschäftigt, der merkt, worauf sie eigentlich hinweisen wollen: Auf die Ursache des Bösen und die Rettung des Menschen durch Jesus Christus am Holz des Kreuzes. Amen.

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