Predigt: Matthäus 27,1-2.11-26 | NEU


PFARRER i.R. HELMUT POPPE



Matthäus 27, 1-2.11-26


Liebe Passions-Gemeinde!

Die Passionsgeschichte beschreibt, wie es eigentlich dazu kam, dass Jesus sterben musste. Alle Personen in der Passionsgeschichte - Judas, Petrus, die Priester, Herodes, das Volk - handeln so, wie Menschen immer handeln. Da ist nichts Außergewöhnliches dabei. Das ist das Erschreckende. Das "normale" Verhalten bringt Jesus ans Kreuz. Auch Pilatus verhält sich so.

Pilatus erkennt glasklar, dass die ganze Angelegenheit im Prinzip eine innerjüdische Streiterei ist. Normalerweise würde er Jesus entweder sofort hinrichten lassen - was zählt schon ein Menschenleben -, oder, noch besser, er würde ihn wieder gehen lassen. Denn dann würden die Juden untereinander weiter streiten und er könnte sich ins Fäustchen lachen. Aber jetzt, gerade jetzt geht das leider nicht. Jetzt braucht Pilatus Ruhe und Frieden, um im Amt zu bleiben. Und Jesus wird das Opfer. Was ist ein Unschuldiger gegen den Frieden im Land? Wer von uns würde schon seine hart erkämpfte Karriere für einen komischen Heiligen aufs Spiel setzen? Da unterscheidet sich unsere Zeit wenig von damals.

Pilatus spürt durchaus, dass dieser Jesus etwas Besonderes ist; deshalb zögert er noch. Windet sich hin und her, ist vorsichtig. Nicht zuletzt durch die Warnung, die ihm seine Frau zukommen lässt. Und er versucht, Jesus zu retten, ohne in seiner Zwangslage etwas falsch zu machen. Und dabei soll ihm Barrabas helfen.

Barrabas, ein Aufrührer und Störenfried in den Augen der Römer, ein Volksheld für die Juden. Niemals würde er ihn normalerweise freilassen. Ein raffinierter Schachzug ist das, meint Pilatus. Ich überlasse ihnen die Wahl und sie werden sich sicher nicht für den Mörder Barrabas entscheiden. Doch der Taktiker Pilatus verrechnet sich. Die Hohenpriester in ihrem Hass auf Jesus stacheln das Volk auf. Und es geht so, wie es heute in jedem Fußballstadion geht: geschickt werden Parolen unter die Menge gestreut und die Masse schreit - ohne zu wissen, was sie da eigentlich ruft -: Ausländer raus! - und damals eben: Kreuzige ihn!

Und Pilatus gibt nach. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Sonst ist blitzschnell der Aufstand da. Aufruhr in Jerusalem? Wenn das der Kaiser erfährt ... Im Johannesevangelium wird dies genau auf den Punkt gebracht. Pilatus sucht dort nach Wegen, Jesus frei zu lassen. Doch das Volk schreit: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht!

Dieser Satz muss Pilatus fürchterlich in den Ohren geklungen haben. Doch was soll´s? Meine Macht ist immer noch wichtiger als ein Menschenleben. Macht ist immer wichtiger als die Wahrheit, und zur Not muss eben das Blut Anderer fließen.

Und so wäscht Pilatus seine Hände in Unschuld. Ich habe keine Schuld an ihm gefunden. Ihr seid verantwortlich. Macht doch was ihr wollt. Tötet ihn halt, wenn es denn sein muss. Hauptsache, ihr lasst mich da raus - und morgen sehen wir weiter.

Wie oft handeln wir Menschen so wie Pilatus, nicht nur die Politiker. Es geht hier alles streng nach Vorschrift, es wird exakt nach dem Buchstaben des Gesetzes gehandelt. Und doch ist alles völlig falsch. Formal mag das alles richtig sein, aber es ist eben doch vollkommen verkehrt. Es geht um die Macht der Priester, um den Wohlstand der Tempelfürsten, um die Arbeitsplätze der Geldwechsler und Handwerker, aber nicht um die Wahrheit. Die wird mit Füßen getreten. Und Jesus?

Er hält sich zurück. Ihn scheint das alles nichts an zu gehen. Nur ein einziges Mal sagt er etwas.

Bist du der König der Juden? fragt Pilatus und Jesus antwortet: Du sagst es.

Ich denke, Pilatus hat diese Antwort nicht verstanden und Jesus kein Wort geglaubt. Der, ein König! Der, ein Herrscher, der Befehle gibt. Wo sind denn seine Soldaten, seine Minister, seine Beamten? Der, ein König? Wer hat denn hier die Macht? Wer steht denn hier frei und ohne Fesseln da und wer in Ketten?

Und dennoch antwortet Jesus: Du sagst es, ich bin ein König. Aber, so fügt Jesus im Johannesevangelium hinzu, mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und darauf fragt Pilatus nach: Bist du dann doch ein König? Und Jesus antwortet: Ja, das bin ich, und ich bin gekommen, für die Wahrheit zu sprechen. Und Pilatus fragt zurück: Was ist Wahrheit?

Man kann diese Frage des Pilatus unterschiedlich verstehen. Es kann die skeptische Frage sein: Was ist denn die Wahrheit? Wie erkenne ich sie denn? Lässt sie sich überhaupt erkennen?

Wahrscheinlicher ist aber doch die spöttische, ja zynische Rückfrage: Was ist schon Wahrheit ...

In der Tat, darum geht es. Und hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen Pilatus und Jesus. Sicher, beide sind Könige. Beide haben Macht. Doch sie unterscheiden sich fundamental. Denn das Machtmittel, welches Jesus zur Verfügung hat, ist die Liebe. Eine Liebe, die in dem Vertrauen gründet, dass es in der Welt nur eine einzige Geborgenheit gibt, und das ist die, die in Gott gründet. Sein ganzes Leben setzte er auf diese Liebe und auf diese Hoffnung. Und er versuchte, dies die Menschen zu lehren. Und damit hatte er Erfolg. Die Menschen liefen ihm nach, fühlten sich ernst genommen, akzeptiert. Da gab es keine Forderungen, die zunächst einmal zu erfüllen waren, keine Kleiderordnung, keine Verhaltensregeln, da ging es nicht immer nur nach dem Buchstaben des Gesetzes. In der Nähe Jesu konnten Menschen erkennen, dass das Leben nicht vom Besitz oder vom Erfolg oder von Machtpositionen abhängt - und umgekehrt, dass jeder, so arm er auch sein mag, Gott zugehört.

Pilatus zeigt, wie es in der Welt zugeht. Er macht deutlich, welche Regeln gelten und wie Herrschaft ausgeübt wird. Jesus dagegen erinnert an die Macht der Liebe. Das ist sein Machtmittel. Und damit ging er königlich um. Setzte sich so für die Menschen ein, dass er für sie zum König wurde, zu einem Menschen, dem sie vertrauen konnten, von dem sie sich akzeptiert fühlten und der ihnen zeigt, wo es lang geht im Leben.

Pilatus verkörpert den Umgang mit der Macht, wie wir ihn täglich erleben. Im Fernsehen und oft genug am eigenen Leib. Und wenn man so will, ist er derjenige, der unfrei ist, der nicht entscheiden kann, wie er vielleicht möchte. Und Jesus ist trotz seiner Fesseln frei und königlich.

Er verkörpert den Umgang mit der Liebe. Und zeigt so die einzige Chance auf, wie wir in dieser Welt menschlich leben können: auf Gott, den Vater, der uns in Jesus nahegekommen ist, zu vertrauen und dann daran zu gehen, die Menschen zu lieben, so wie Jesus es uns vorgelebt hat.

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