Predigt: Hebräer 13,12-14 | NEU


PFARRER STEFAN DITTMER



Hebräer 13,12-14


„Jesus Christus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Liebe Schwestern und Brüdern!

In einem sibirischen Straflager waren zwei Männer, ein Vater und ein Sohn, inhaftiert. Man nannte sie abwertend die „Gläubigen“. Sie waren freundlich und gutmütig, zuvorkommend. Sie lebten sichtbar und erfahrbar ihren Glauben. Und das hieß auch, sie ruhten am Sonntagmorgen von ihrer Arbeit und beteten.

Der strengen Lagerleitung war das ein Dorn im Auge, aber man konnte die beiden von ihrer Haltung nicht abbringen. Wenn von höchster Instanz, nämlich von Gott, befohlen wurde: „Du sollst den Feiertag heiligen!“, kann ein kleiner Lagerkommandeur das nicht ändern. Für die beiden Christen war das der Grund zum Beten, für den Lagerhauptmann war das der Grund, hart durchzugreifen: „Wehe, wer sich mir widersetzt!“ Und es kommt, wie es kommen muss.
An einem Sonntagmorgen sind alle auf den großen Lagerplatz direkt am Zaun versammelt. Die Soldaten öffnen die Tore und lassen die beiden Christen hinaus. Draußen riecht es nach Freiheit. Die Tundra. Die unendliche Weite. Im Hintergrund hört man schon die Hunde. Jeder weiß, was jetzt kommt: das Spezialvergnügen des Lagerleiters, mit Bluthunden Menschen zu Tode zu hetzen.

Als die beiden schon ein Stück weit gegangen waren, lässt der Hauptmann seine Hunde los. Das ist jetzt seine Stunde! Die beiden aber bleiben stehen, nehmen ihre Mützen ab und fallen auf ihre Knie: sie beten. Am Stacheldraht drehen sich die Gefangenen weg, um das schreckliche Schauspiel nicht ansehen zu müssen.

Unglaublich, wie Menschen hier miteinander umgehen?! Zwei Menschen werden hingerichtet, nur weil sie am Sonntagmorgen erst einmal beten wollen! Ist das gerecht? Darf man es denn so weit kommen lassen? Den Hauptmann in seinem Vernichtungswahn oder die Christen in ihrem „Christus-Wahn“?

Vater und Sohn wollen lieber sterben als Gottes Ordnung zu brechen. Sollten sie nicht vernünftiger sein? Sollten sie sich nicht besser mit den Gegebenheiten abfinden? Man muss doch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und gegebenenfalls flexibel sein und sich anpassen? Man muss doch in die Welt passen? Oder etwa nicht?

Urteilen wir, liebe Schwestern und Brüder, nicht zu schnell! Die beiden haben so entschieden, weil es um ihren Glauben und um ihren Gehorsam Gott gegenüber ging. Wenn wir vor einer ähnlichen Situation stehen – o Gott, stehe uns bei!

Wichtig, die beiden haben an ihrem Gott festgehalten: sie sind hinausgegangen aus dem Lager, aus ihrer Sicherheit und haben Gott vertraut.

Die christlichen Gemeinden damals, liebe Schwestern und Brüder, mussten mit möglichen Schikanen durch ihre Mitmenschen und den römischen Staat rechnen. Sie wurden als verrückte Spinner bezeichnet, die nicht alles mitmachten und bei einem Mann am Kreuz Hilfe suchten. Sie eckten an und gerieten immer mehr ins Abseits.

Aber dann bot sich ihnen eine Möglichkeit, den Anfeindungen zu entgehen: sie mussten sich mit dem Judentum arrangieren. Denn wer zu ihnen gehörte, blieb vom Staat und zumeist auch von seiner Umgebung verschont. Man musste sich als Christ zu den jüdischen Gesetzen bekennen und an den jüdischen Sitten festhalten. Ein bisschen Judentum und schon konnte man in Ruhe leben.

Doch davor warnt der Apostel: Wer sein Heil nicht ganz und gar bei Jesus Christus sucht, ist auf dem falschen Weg. Wem die gesellschaftliche Anerkennung wichtiger ist, als bei dem zu bleiben, der für uns gestoben und auferstanden ist, der verspielt sein Heil.

Hier geht es nicht um religiöse Geschmacksfragen, nicht um Taktik, sondern um das Heil, um das ewige Heil, um die Gewissheit, dass der heilige Gott mich um Christi willen haben will. Weder meine Taten oder mein Charakter noch meine Erfolge noch meine Errungenschaften haben IHN dazu bewogen, mein Vater zu sein. ER will es „aus lauter Güte und Barmherzigkeit, ohn all ein Verdienst und Würdigkeit.ER will es!

Darum sollen wir „herausgehen“ aus unserem Alltag – hingehen zu IHM, unserem Heiland. Denn ER hat uns geheiligt durch sein Blut: wir gehören IHM und leben mit IHM jetzt schon im Glauben und dann im Schauen. Jetzt schon haben wir eine bleibende Stadt, einen Ort der Ruhe in IHM!

Jesus Christus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor!
In diesem Vers geht es um die Entsorgung von Sondermüll. Direkt vor unserem Schriftwort erwähnt der Apostel die Bestimmungen für den großen Versöhnungstag. Laut Gesetz sollten ein junger Stier und ein Bock ausgewählt und zur Sühne für das Volk geopfert werden. Das alles geschah draußen vor dem Lager: Dort wurden das Fell, der Körper und der Mist, einfach alles von diesen zwei Tieren mit Feuer verbrannt: diese Dinge waren verseucht von der Sünde des Volkes. Alles musste gründlich entsorgt werden draußen vor dem Lager. Mit diesem Müll durfte keiner in Kontakt kommen.

Dieses Geschehen, dieses Bild vom Sondermüll bezieht der Apostel nun auf Jesus Christus. ER war verseucht und belastet durch die Schuld des Volkes, dass man sich seiner draußen vor die Stadt auf der städtischen Müllkippe entledigte. Jesus – der Mülleimer, dein Mülleimer, lieber Christ, der den Müll deines Lebens entsorgt. Das, was dich belastet und verseucht, was dein Leben kaputt und unzufrieden macht, was dich niederdrückt und in dir zum Himmel stinkt, das alles verunstaltet und verunreinigt den Sohn Gottes. Das bringt IHM den Tod.

Jesus Christus – ein Fall für die Müllentsorgung! Das klingt äußerst geschmacklos und entwürdigend. Doch, liebe Schwestern und Brüder, wir sollen sehen, welches Drama sich am Kreuz von Golgatha ereignet hat.

Im Laufe der Zeit ist das Kreuz in seiner Härte und seinem Ernst immer wieder entschärft und verharmlost worden. Das Kreuz ist ein Schmuckstück, das man sich modisch gestylt um den Hals hängt. Es ist ein Kunstwerk, das Kirchen und andere Räume schmückt. Das Kreuz jedoch ist eine dreckige, stinkende Angelegenheit, die übelste, grausamste Foltermethode: Auf einer Müllkippe ist Jesus gestorben, von dicken Nägeln durchbohrt, jämmerlich erstickt. Das alles nur, damit wir niemals an diesen Ort kommen und unser Leben mit der Entsorgung unseres Leichnams noch lange nicht erledigt ist.

Jesus Christus hat gelitten draußen vor dem Tor, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut!“ Geheiligt hat ER uns! Das heißt: ER hat uns Gott zugehörig gemacht: wir gehören wieder zu Gott dem HERRN. Wir leben wieder dort, wo wir von Anfang der Schöpfer hingehören: zu IHM, dem HERRN der Welt, als sein Gegenüber! Alles, was uns von IHM trennt, ist bereinigt und ausgeräumt, so dass wir mit dem Allerhöchsten und Heiligen rechnen dürfen, verkehren, reden und leben dürfen!

Unser Heiland hat sich als Sondermüll behandeln und entsorgen lassen, hat auf alle Würde und allen Respekt verzichtet, damit wir gewiss mit seiner heilvollen Nähe rechnen.

Darum ist es sinnvoll, ein Kreuz um deinen Hals zu tragen: es erinnert uns an unsere Heilige Taufe und an den Gekreuzigten, der sich für uns hat wie der letzte Dreck behandelt lassen. Darum haben wir hier in der Kirche ein großes Kreuz, damit wir immer wieder aufschreckt werden: Das ist für dich geschehen! Für dich hat der HERR sich zu Tode geblutet!

Dieser Blick auf das Kreuz zeigt uns die Ursache für das Leiden und Sterben Jesu: „Meine Sünde ist´s!“ Gott sei´s geklagt! „Jedoch sie ist vergeben!“ Gott sei Dank!

Wer das begriffen hat, der kann sich nicht einfach ins Privatleben zurückziehen und der Welt anpassen. Der muss hinaus! Denn hier geht es um Leben oder Tod, um ewiges Leben oder ewige Verdammnis, um ein Leben mit Gott in Kraft und Zuversicht oder um ein Dahinvegetieren ohne Sinn und Hoffnung.

Wir müssen hinaus zu den Menschen unserer Tage, um ihnen die frohmachende Botschaft zu verkündigen, dass Gott der HERR trotz allem und in allem bei uns ist und mit uns lebt.

Doch oft genug passiert das Gegenteil: Kirchen passen sich den jeweiligen Umständen an. Der Zeitgeist hat zu sagen, nicht Gott der HERR: um der Liebe willen werden Dinge befürwortet und gestattet, die dem göttlichen Willen widersprechen: die freie Liebe - so sie denn ernsthaft ist. Die Ehe für alle - so sie denn in Liebe und Verantwortung geschieht. Die Tötung der Kinder im Mutterleib und das Recht auf selbstbestimmtes Sterben - denn die Freiheit des Menschen muss doch gewahrt bleiben.

Liebe Schwestern und Brüder! Fallen wir denn als Christen im Alltag auf? Unterscheiden wir uns von anderen in selbstloser Liebe und Vergebungsbereitschaft? Oder haben wir uns in der Welt gut eingerichtet und angepasst?
Wir sind doch Salz der Erde, damit wir dem Leben die richtige Würze geben! Wir sind Licht der Welt, so dass wir Orientierung geben und dorthin leuchten, wo Menschen im Schatten und in der Finsternis des Todes leben!

Nutzen wir jede Gelegenheit, unseren Glauben klar und deutlich zu zeigen: reden wir von dem Grund unseres Lebens, damit es der andere hört und bei Jesus Christus Halt findet gerade jetzt in der Corona-Krise. Wir haben doch jetzt Zeit zum Telefonieren, um dem anderen ein Licht in seine Einsamkeit und Angst anzuzünden. Wir haben doch Zeit für einen Brief, in dem wir den anderen an seinen himmlischen Vater erinnern oder wieder neu von Gott dem HERRN erzählen, wo er in Erwartung der Dinge innerlich zergeht.

Der Evangelist Lukas berichtet, dass Jesus Christus einen Mann in seine Nachfolge ruft. Dieser willigt ein, möchte aber zuvor seinen Vater beerdigen. Aber Jesus antwortet: „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Mit diesen Worten will Christus das Unfassbare deutlich machen: Der Tod ist tot, das Leben hat gewonnen, darum haben wir eine große Hoffnung!
Das, was wir Leben nennen, ist für Jesus tot. Wir wissen und erleben es tagtäglich: der Mensch ist vom Tod umfangen. Der Tod reißt unbarmherzig Lücken in unser Zusammenleben und seine grausamen Vorboten zeigen uns immer unsere Grenzen.

Aber Gott sei Dank, liebe Schwestern und Brüder, für uns, die wir Jesus folgen, hat das neue Leben begonnen. Die Ursache für den Tod – unsere Sünde ist ja vergeben. Und wir hängen an dem Auferstandenen, so dass sein Leben in uns strömt und immer wieder in uns eine lebendige Hoffnung erweckt.

Damit sind wir, lieber Christen, Botschafter des Lebens dort, wo Menschen ihre Hoffnung verloren haben, wo Menschen vor dem Tod kapitulieren und in ihrer Trauer und Hoffnungslosigkeit vergehen.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager!“ Tun wir das, liebe Schwestern und Brüder, werden wir eisigen Gegenwind erfahren. Bisweilen hört man uns nicht oder zuckt gleichgültig die Achseln. Als Nachfolger Jesu werden wir wie ER ausgelacht und verspottet, gemieden und ausgestoßen, verachtet und vielleicht sogar mundtot gemacht. Es ist wahr, was geschrieben steht: „Wir haben hier keine bleibende Stadt!“ Wir sind hier nicht Zuhause und haben hier auch keine Sicherheit.

Aber Gott sei Dank! In dem allen sind wir mit IHM unterwegs, wir sind ja zu IHM hinausgegangen, unserem HERRN und Heiland Jesus Christus. Wenn euch die Sache mit dem Glauben zu schwer wird und ihr den Mut verliert, wenn euch die Flamme des Glauben droht zu erlöschen und eurem Leben die Leuchtkraft fehlt, so gilt dennoch unumstößlich: Ihr seid in Christi Hand! „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen.

Diese zukünftige Stadt ist ja kein Wunschtraum der Ewigkeit, nicht irgendwann in weiter Ferne, keine Illusion! Sie ist da, jetzt schon hier bei uns. Denn Jesus Christus hat uns durch sein Blut geheiligt – wir gehören also Gott dem HERRN. Und als der Auferstandene ist ER bei uns ganz und gar!


Übrigens, die beiden Männer damals im Sibirien haben überlebt. Die Hunde haben, ohne jeden erkennbaren Grund, kurz vor den beiden gestoppt, haben verwirrt gewinselt und schließlich auf dem Bauch kriechend den beiden die Schuhe geleckt. Einige Gefangene im Lager hinterm Zaun haben sich bekreuzigt und der Lagerkommandeur blieb starr vor Entsetzen stehen.

Mag sein, dass wir als einzelne Christen, als Gemeinde, als Kirche in Zukunft so manche einsamen Wege gehen werden, unser Weg gleicht nicht unbedingt einem Triumphzug. Wichtig ist nur, dass wir mit Jesus Christus gehen, so wie ER es versprochen hat. Das gilt umso mehr draußen vor dem Tor!
Hauptsache mit IHM, unserem Heiland Jesus Christus! Amen.

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