Predigt: 3. Lukas 22,31-34 | NEU


PROPST GERT KELTER



3. Lukas 22,31-34

31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. 33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.



Liebe Brüder und Schwestern,

kann ein Minister, der wegen Täuschung der Doktortitel aberkannt wurde, weiterhin glaubwürdig im Amt bleiben? Die Frage wird in der Realität in solchen Fällen, je nachdem, ob es sich um Parteikollegen oder Oppositionspolitiker handelt, ganz unterschiedlich beantwortet. Er sei nun kein Vorbild mehr und müsse zurücktreten, wurde da zum Beispiel von der Opposition argumentiert.

In vielen Fällen müssen am Ende Politiker, die Fehler gemacht haben, schuldig geworden sind, ihrer erwarteten Vorbildfunktion nicht gerecht geworden sind, den Hut nehmen. Insbesondere aber dann, wenn sie ihre Fehler, ihre Schuld nicht gleich eingesehen und eingestanden und sich dafür entschuldigt haben.

Das Argument der Vorbildfunktion wird von den Bürgern meist nur dann bis zur Amtsniederlegung akzeptiert, wenn der Politiker sozusagen stur und unbekehrt bleibt, auf sein vermeintliches Recht pocht und an seinem gut bezahlten Sessel um jeden Preis kleben bleiben will.

Die Volksmeinung ändert sich aber auch immer wieder dann zugunsten schuldig gewordener Politiker, wenn diese ihre Fehler schnell zugeben, sich entschuldigen und glaubwürdig ihre neue Einsicht auch darlegen. Dann verkehrt sich das Vorbildargument sogar manchmal ins Gegenteil und es heißt: Wer seine Schuld einsehen und sich dafür entschuldigen kann, ist sogar ein besonders gutes Vorbild und darf bleiben.

Nicht die Schuld an sich disqualifiziert also einen Menschen schon endgültig als Vorbild, sondern maßgeblich ist oft sein Umgang mit dieser Schuld.

Liebe Gemeinde, mal so gefragt: Kann denn eigentlich ein Apostel, der den Herrn Jesus Christus dreimal verleugnet hat, noch im Amt des Apostels bleiben oder hat er damit nicht ein für allemal seinen Vorbildcharakter verloren?

Jesus jedenfalls, so haben wir gehört, lässt den Apostel Petrus trotz dessen dreimaliger Verleugnung nicht fallen wie eine heiße Kartoffel und verdammt ihn nicht endgültig, sondern sagt ihm sogar schon vor dessen abgrundtiefen Sündenfall zu: "Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder."

Mit anderen Worten: Der, der seinen Herrn verleugnet, der abfällt von Glauben und Vertrauen, der soll Vorbild der Herde Christi, der soll Hirte werden, und die Christengemeinde weiden und leiten; der im Glauben so Schwache soll sie später im Glauben stärken.

Aber noch ist es nicht soweit. Noch hält sich Petrus für glaubensstark wie ein Fels in der Brandung und kündigt seine Bereitschaft an, mit Jesus ins Gefängnis, ja sogar mit ihm in den Tod zu gehen. So stellt man sich einen vorbildlichen Apostel und Heiligen ja zunächst auch vor.

Aber noch in derselben Nacht, bevor der Hahn am Morgen krähte, war der Apostel grausam gescheitert. Gescheitert an seiner Selbsteinschätzung, die sich als völlige Fehleinschätzung erwies.

Das hat Petrus allerdings mit uns gemeinsam: Gerade weil wir an Christus glauben, getauft sind und gewiss, die Gaben des Heiligen Geistes zu haben, meinen wir oft, dass es jetzt auch an uns, an unserer Glaubensstärke, an unserem Wollen und Entscheiden liegt, in vorbildlicher Weise unser Christsein zu leben.

Aber dann erleben wir es, dass wir damit scheitern. Immer wieder, jeden Tag. Wer verstanden hat, was im biblisch-lutherischen Sinne "Sünde" heißt, der weiß auch, dass Sünde nicht erst dann beginnt, wenn ich einen Menschen totgeschlagen habe, sondern dass Sünde, wenn man Jesu Worte ernst nimmt, viel umfassender ist, viel früher beginnt und viel tiefer geht. In Gedanken, Worten und Werken.

Unser Predigtabschnitt beschreibt dieses Erleben nicht nur, sondern sagt auch etwas über die Ursache des Bösen, das sich bei mir immer wieder Bahn bricht, das hervorbricht und mein Selbstbild aber auch das Bild, das ich vor anderen gerne nach außen trage, ent-täuscht.

Christus sagt uns: Ihr Christen lebt auch nach eurer Taufe und als gläubige Menschen nicht in Quarantäne, nicht in einem keimfreien Raum, in dem ihr für den Himmel aufbewahrt werdet, sondern in der gefallenen Welt, in der im wahren Sinne des Wortes der Teufel los ist. Verlasst euch nicht auf eure Stärke, auch nicht auf eure vermeintliche Glaubensstärke, die ihr ein für allemal zu besitzen meint. Rechnet mit dem Bösen, dem Durcheinanderwerfer (nichts anderes heißt diabolos), dem Tausendkünstler, der sich verstellt und der euch mit vielen Masken, auch ganz frommen übrigens, jeden Tag nachstellt. Rechnet mit dem, der euch für sich begehrt und nichts anderes im Schilde führt, als euch von mir, dessen Eigentum ihr seit eurer Taufe seid, loszureißen.

Ihr lebt in dieser Welt wie auf einem Sieb in der Hand des Teufels, der euch rüttelt und schüttelt wie ein Erntehelfer, der Weizen und Spreu nach dem Dreschen rüttelt und schüttelt, bis sich die leichte Spreu durch den Wind vom schwereren Weizen trennt. Jede Versuchung, die ihr erlebt, ist so ein Rütteln und Schütteln.

Rechnet aber auch nicht nur mit dem Bösen und starrt darauf wie ein Kaninchen auf die Schlange. Auch das will der Durcheinanderwerfer, auch das gehört zu seinen Methoden. Sondern rechnet vor allem mit einem: Ich, Christus, euer Herr, Erlöser und Eigentümer habe durch mein Leiden und Sterben den Kampf mit dem Widersacher für euch ausgekämpft und bin Sieger dabei geblieben!

Liebe Gemeinde, der uns einmal durch Christus geschenkte Glaube ist nicht einfach unser Eigentum geworden, ist nicht unverlierbar in unseren Besitz übergegangen. Er ist und bleibt gerüttelter und geschüttelter, angefochtener und gefährdeter Glaube. Wir laufen durch unser Leben wie ein Bergwanderer, der über einen schmalen Berggrat läuft. Ein kleines Lüftchen von der Seite - und wir sind abgestürzt.

Wenn wir nicht angeseilt sind, jedenfalls.

"Angeseilt" im übertragenen Sinne an Jesus Christus. Der sagt dem Apostel Petrus, der sich gerade noch auf seine Glaubensstärke verlässt und meint, mit Jesus durch Leiden und Tod gehen zu können: "Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre."

Dass Christus für uns bittet und betet, ist das Seil, an dem wir hängen, an dem unser Glaube hängt. Und, Brüder und Schwestern, das ist kein seidener Faden, sondern ein unzerreißbares Rettungsseil.

"Lass mich, ich kann das auch allein", kräht Konrad, wenn man ihm helfen will und prompt fällt ihm das Essen von der Gabel oder er selbst vom Fahrrad.

"Lass mich, ich kann das auch allein, wer sollte mich aufhalten, dir bis in den Tod nachzufolgen?", sagt der kleine gerne große Petrus und verzichtet damit auf das Rettungsseil der Fürbitte Jesu. Kräht der starke Apostel und rechnet nicht dem Bösen. Und schon kräht der Hahn.

Und da steht er nun, unser heiliger Apostel Petrus. Eigentlich muss er jetzt, wenn nicht seinen Hut, dann jedenfalls seinen Heiligenschein nehmen und an den Nagel hängen und einem "echten Vorbild" Platz machen. Aber wem? Paulus, dem Christenverfolger vielleicht? Oder Matthäus, dem Römerfreund und Judenausbeuter? Oder Jakobus und Johannes, den Cholerikern, die Jesus zurechtweist und die man die "Donnersöhne" nennt? Das Neue Testament hat offenbar Personalmangel, wenn es um lupenreine heilige Vorbilder geht. Und das Alte Testament? Ich sage nur: David. David, der Ehebrecher, David der Rivalenmörder.

Liebe Gemeinde, es fällt schon auf, dass die Heiligen der Bibel in vielen Fällen so gar nicht dem entsprechen, was man sich gemeinhin unter einem Heiligen, einem Vorbild für die Gläubigen so vorstellt.

"Gemeinhin" - das entspricht dem, was z.B. die römisch-katholische Kirche als Kriterien für eine Heiligsprechung fordert: Am besten ist es, als Märtyrer für den Glauben gestorben zu sein. Sehr wichtig sind die sog. heroischen Tugenden: Im Glauben, der Liebe und der Hoffnung muss ein künftiger Heiliger erwiesenermaßen vorbildlich vor den Menschen gelebt haben. Wunder sollte er in seinem Leben oder danach als Fürsprecher bei Gott gewirkt haben. Und so weiter.

Unser Augsburgisches Bekenntnis hat da bezeichnenderweise einen etwas anderen Heiligenbegriff. Da heißt es in Artikel 21: "Über die Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird, dass wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und ihnen durch den Glauben geholfen worden ist." Der einzige ausdrücklich erwähnte Heilige ist übrigens ausgerechnet David.

Und es hätte genausogut auch Petrus sein können, der Christusleugner.

Warum? Weil er zum Vorbild und Heiligen gerade dadurch wurde, dass man an ihm besonders gut erkennen kann, wie ihm Gnade widerfahren und ihm durch den Glauben geholfen worden ist.

Wie endet denn der Abschnitt aus Lukas 22 von der Verleugnung des Petrus? Es heißt am Schluss, nach der dreimaligen Verleugnung und als der Hahn dann krähte: "Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich."

Diese Tränen der Reue, der Einsicht in die eigene Schuld und Schwachheit, die Erkenntnis, dass er allein auf die Gnade Christi angewiesen ist und nichts aus sich selbst heraus schaffen und vollbringen kann - das ist wirklich vorbildlich. Daran können wir ablesen, was Gnade bedeutet.

Petrus darf nicht nur bleiben, sondern wird von Jesus sogar noch befördert: Vom einfachen Apostel sozusagen, zum Oberhirten und Seelsorger der Brüder. Den Glaubensschwächling, der aber seine Schwäche erkennt, der es selbst erlitten hat, in den Abgrund der Sünde zu stürzen, den hält Jesus für besonders geeignet, den angefochtenen, schwachen, immer bedrohten Glauben der Brüder zu stärken.

Dem, der weiß, dass er selbst Sünder ist, der aber auch erfahren hat, was Gnade, Vergebung, Versöhnung bedeutet, dem wird man zuhören. Den wird man für glaubwürdig halten.

Es ist kein Zufall, Brüder und Schwestern, dass die Mehrheit und die besten der Suchthelfer ehemalige Süchtige sind. Wer die Versuchung des Teufels Alkohol nicht kennt, nie in seiner Hölle war und es nicht erlebt hat, durch Gottes Hilfe und Gnade daraus befreit worden sein, wer nicht aus eigenem Erleben weiß, dass das möglich ist, wird es viel schwerer haben, die Gefangenen aus der Hölle zu holen oder ihnen gute Ratschläge zu erteilen.

Ein Seelsorger, der nicht um sein Sündersein weiß, der meint, durch seine Glaubensstärke und sein reines Leben ein Vorbild zu sein, kann die Sünder nicht trösten. Trost ist der beste Trost, wenn er "getrösteter Trost" ist.

Petrus weint. Und darin ist und bleibt er wirklich Vorbild. Denn er zeigt uns, wie wir mit Schuld umgehen müssen. Er macht es vor: Erkennen, bekennen, bereuen, nicht vertuschen und verdrängen, sondern aus der Vergebung Jesus Christi im Vertrauen auf seine Fürbitte leben. Jeden Tag. Amen.

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