Liedbetrachtung "Jesu deine Passion" (ELKG 67)
von Pfarrer Frank-Christian Schmitt, München

Der Lieddichter
Das Passionslied „Jesu deine Passion“ stammt aus der Feder des Lieddichters Sigmund von Birken (oder auch Sigismund von Birken).
Birken war der Sohn von Daniel Betulius, dem Ortspfarrer von Wildstein bei Eger in Böhmen. Dort wurde Birken am 25. April 1626 geboren. 1629 wurde die protestantische Familie von dort aus Glaubensgründen vertrieben und flüchtete nach Nürnberg, der Heimatstadt der Mutter. Bis zu seiner Nobilitierung 1654 trug der Dichter den namen Sigmund (oder Sigismundus) Betulius.

Nach dem Besuch der Lateinschule des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg studierte Birken 1643 bis 1644 Rechtswissenschaften in Jena. Zur Jahreswende 1644/45 brach er sein Studium ohne Abschluss ab und kehrte nach Nürnberg zurück. Dort verfasste er im Frühjahr 1645 sein erstes größeres Werk. Unter dem Pseudonym „Floridan“ wurde er Mitglied des Pegnesischen Blumenordens in Nürnberg. Vom Ende des Jahres bis Oktober 1646 wirkte er als Hofmeister (Lehrer und Erzieher) der Prinzen Anton Ulrich von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel und Ferdinand Albrecht von Braunschweig-Wolfenbüttel am Hof in Wolfenbüttel. Nachdem er dort entlassen worden war, folgte eine zweijährige Wanderung durch Norddeutschland, wo er unter anderem  Johann Rist kennenlernte und die ihn bis nach Rostock führte.

1648 kehrte er wieder nach Nürnberg zurück. In den folgenden beiden Jahren wurde er über die Grenzen seiner Heimat hinaus als Dichter bekannt.

Im Mai 1654 wurde durch die Unterstützung des Gottlieb von Windischgrätz von Kaiser Ferdinand III. in den Adelsstand erhoben und zum kaiserlichen Hofpfalzgrafen ernannt. Seitdem nannte er sich „von Birken.“

1662 wurde von Birken Präsident des „Pegnesischen Blumenordens“. Die Dichtergesellschaft war 1644 ins Leben gerufen worden. Unter der Präsidentschaft von Birkens vermehrte sich die Mitgliederzahl um ein Vielfaches. Bis zu Birkens Tod am 12. Juni 1681 verfassten die Ordensmitglieder gemeinsam unter seiner Federführung hunderte von Schäfergedichten zu Geburten, Hochzeiten und Todesfällen, die in kleinen Schriften als so genannte Gelegenheitsdichtung veröffentlicht wurden.

Geistliche Dichtung
Von seinen zahlreichen geistlichen Liedern sind heute nur noch zwei in Evangelischen Gesangbüchern zu finden: unser Passionslied „Jesu deine Passion will ich jetzt bedenken“ (ELKG 67, EG 88, auch von Johann Sebastian Bach im BWV 5 und in einer Version der Johannespassion verwendet) sowie der Choral „Lasset uns mit Jesus ziehen“ (ELKG 252, EG 384).

Passionslieder
Passionslieder führen uns in ganz besonderer Weise zur Mitte unseres christlichen Glaubens: zum leidenden und sterbenden Gottessohn. Hier geschieht durch Christus, was uns vor Gott rettet. Deshalb ist die Betrachtung des Leidens und Sterbens Christi auch besondere konfessionelle Identifikation lutherischen Glaubens und lutherischer Spiritualität. Wie in einer „Laiendogmatik“ gewähren uns die Passionslieder Einblick in den tiefsten Grund göttlichen Heilshandelns ohne dabei abstrakt und theoretisch zu bleiben. Ganz im Gegenteil: Sie lassen uns nachvollziehen und in ihrer sprachlichen Meisterhaftigkeit führen sie uns vor Augen, was zu unserem Heil geschah und vielmehr noch, warum es geschehen musste. Damit nehmen sie uns selbst mit hinein in diese Betrachtungen und lassen uns persönlich erfahren, dass Christus an unser statt und für uns hat leiden und sterben müssen.

Das Lied „Jesu deine Passion will ich jetzt bedenken“ (ELKG 67)
Wie könnte man eine Passionsandacht oder das Gedenken des Leidens und Sterbens Jesu am Karfreitag eindrücklicher beginnen als mit den so deutlichen Worten Sigmund von Birkens „Jesu deine Passion will ich jetzt bedenken“? 

1  Jesu deine Passion will ich jetzt bedenken;

wollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken.
In dem Bild jetz – und erschein, Jesu, meinem Herzen,
wie du, unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.

Es ist für unsere Zeit schon etwas merkwürdig sich der Betrachtung von Leid hinzugeben. Leid soll möglichst vermieden, gemindert, besiegt und manchmal auch eher versteckt werden. Deshalb ist es wohl gut uns bei der Betrachtung der Passion Jesu von einem anderen Geist leiten zu lassen als dem Zeitgeist.
Dass das schon immer nötig war, macht unser Lied aus dem 17. Jahrhundert deutlich. Von Birken setzt an den Beginn seiner Passionsbetrachtung die Bitte um den Heiligen Geist: „Wollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken.“ Denn nur so kann geschehen, was unser Lied erbittet: „In dem Bild jetz – und erschein, Jesu, meinem Herzen, wie du,  unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.“  Ohne den Heiligen Geist wäre das Leiden Jesu nur ein schreckliches Erinnern an die Brutalität römischer Hinrichtungspraxis. Aber mit Hilfe des Heiligen Geistes erschließt sich uns in diesem Leiden der Heilswille Gottes. So können wir in unserem Herzen bewegen und bedenken, was der leidende Christus für uns getan hat.

2. Meine Seele sehen mach deine Angst und Bande,

deine Schläge, deine Schmach, deine Kreuzesschande,
deine Geißel, Dornenkron, Speer- und Nägelwunden,
deinen Tod, o Gottessohn, der mich dir verbunden.

Nichts soll verharmlost werden. Christus leidet als Mensch und als Gott unter den Schlägen der Soldaten, unter der Schmach der angeblich Frommen, der Geißel, der Verhöhnung mit einer Dornenkrone, unter den unsäglichen Schmerzen der Hinrichtung am Kreuz den Tod. Dass wir dies in unserem Innersten – mit der Seele wie wir sagen - als geistliche Menschen wahrnehmen können, das erbittet unser Lied: „Meine Seele sehen mach deine Angst und Bande.“
Als solche mit Christus in der Taufe und durch den Glauben verbunden, wird sein Leiden und Sterben für uns zum Urgrund des Heils und zur Einsicht und Reue über unser eigenes Versagen, unsere Gottlosigkeit und unsere Schuld.

3. Aber lass mich nicht allein deine Marter sehen,

Lass mich auch die Ursach fein und die Frucht verstehen.
Ach, die Ursach war auch ich, ich und meine Sünde:
Diese hat gemartert dich, dass ich Gnade finde.

Es ist billig die Ursache der Verurteilung Jesu und seines Todes nur beim Hohepriester, bei Pontius Pilatus, dem Volk, das seine Kreuzigung fordert oder bei den Pharisäern zu sehen. Es ist auch meine und deine Schuld für die Christus leidet und stirbt: „Ach, die Ursach war auch ich, ich und meine Sünde!“
Mich so ehrlich vor dem gerechten Gott zu sehen, ohne Maske und ohne jeden Versuch der Verharmlosung meiner Schuld ist auch zutiefst Wirken des Heiligen Geistes. Der Apostel Johannes schreibt: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ (1 Joh 1, 8)
Dass uns ein solches Bekenntnis nicht erdrücken muss, soll uns „die Frucht“ des Leidens und Sterbens Jesu deutlich machen – wie es Sigmund von Birken in unserem Lied nennt.
Ja, auch meine Sünde hat Christus gemartert, aber – und das ist entscheidend –  „dass ich Gnade finde."

Dadurch wird „Buße und Reue“ zu einem großen Geschenk und nicht zur Belastung, weil ich dadurch „Gnade finde."
Aus dieser Gnade zu leben ist und bleibt Ziel des Christenmenschen. Nun habe ich erfahren wie Gott zu mir steht – trotz meiner Schuld! Deshalb sollte mein ganzes Begehren jetzt sein,  jede Sünde zu meiden:

4. Jesu, lehr bedenken mich dies mit Buß und Reue;

Hilf, dass ich mit Sünde dich matre nicht aufs neue.
Sollt ich dazu haben Lust und nicht wollen meiden,
was du selber büßen musst mit so großem Leiden?

Natürlich lehrt uns das Leben oftmals etwas anderes. Da gibt es jene Lüste und Begierden, die es uns schwer machen. Und auch als Christen, die wir durch Christi Verdienst vor Gott gerecht gesprochen sind, bleiben wir Sünder. Immer wieder in der Gefahr der Versuchung! So sehr, dass unser Versagen uns wie die Hölle erscheinen kann:

5. Wenn meine Sünde will machen heiß die Hölle,

Jesu, mein Gewissen still, dich ins Mittel stelle.
Dich und Deine Passion lass mich gläubig fassen;
Liebet mich sein lieber Sohn, wie kann Gott mich hassen?

Dann ist es wichtig, dass wir nicht bei uns und unserem Versagen stehen bleiben, sondern unseren Blick auf den gekreuzigten Christus wenden. IHN in den Mittelpunkt unseres Glaubens stellen. Von Ihm her kommt dann auch die Gewissheit vor Gott: „Liebet mich sein lieber Sohn, wie kann Gott mich hassen?"
So erfahre ich Trost und das Angenommensein trotz meines eigenen Versagens und erlebe die Gnade Gottes als großes Geschenk allein durch das, was Christus für mich getragen und getan hat. Ja, wie ER mich auch weiter trägt und im Glauben erhält.
„Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8, 39) schreibt der Apostel Paulus.

Das allerdings sollte uns dankbar machen! Dankbar für alles, was ER für uns getan hat. Doch wie könnte ich diese Dankbarkeit auch nur annähernd ausdrücken? Vielleicht indem ich da, wo ich vor die Situation gestellt bin auch zu leiden, gerne mit Christus leide!

6. Gib auch, Jesu, dass ich gern dir das Kreuz nachtrage,

dass ich Demut von dir lern und Geduld in Plage,
dass ich dir geb Lieb um Lieb. Indes lass dies Lallen
- bessern Dank ich dorten geb -, Jesu, dir gefallen.

Die nötige Geduld im Leiden, haben wir wohl wieder zu erbitten und können sie nicht selbst hervorbringen. Denn gerade auch im eigenen Leiden und dem Leid, das uns begegnet, weiter an der Liebe Gottes festzuhalten, ist und bleibt Geschenk des Glaubens.
Und dieser Glaube schaut über das Leiden hinaus auf das, was danach kommt. Auch das Bedenken der Passion Jesu kann und darf nicht bei seinem Leiden und Sterben stehen bleiben. Über allem Leid steht der Sieg Jesu am Ostermorgen. Mit Seiner Auferstehung ist alles Leiden überwunden.
Das gilt es auch für uns festzuhalten, indem wir uns an IHM festhalten.
So bleibt für uns auf dieser Welt aller Dank an Gott nur ein „Lallen“. Aber in der Ewigkeit wird wahr, was Sigmund von Birken am Ende unseres Passionsliedes erbittet: „Indes lass dies Lallen - bessern Dank ich dorten geb -, Jesu, dir gefallen.“

Melodie
In der Regel wird das Lied mit einer eigenen Melodie Melchior Vulpius´ gesungen. Aber auch die Melodien der Lieder „Jesu Kreuz, Leiden und Pein“ (ELKG 58) oder „Christus, der uns selig macht“ (ELKG 68) können verwendet werden.