5. Kreuzeswort

Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani?" Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

(Die Bibel: Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 27, Vers 46)

Der Gottessohn von Gott verlassen! Der Christus Gottes in die Gottlosigkeit gestoßen!
Ist das zu ertragen? Kann dieser Schrei wirklich wahr sein?

In der Tat hat es in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder relativierende Umdeutungen gegeben. Doch: Hätte Gott Jesus nicht wirklich verlassen, so hätte dieser auch nicht Gottverlassenheit geklagt. Denn gerade beim Sterben auf Golgatha war dieser sein Gott verschwunden.

Jesus, der gesagt hatte: „Ich und der Vater sind eins" (Johannes 10, 30) und „Wer mich sieht, der sieht den Vater"(Johannes 14,9), dieser Jesus sah den Vater nicht mehr, war ohne Gott. Jesu Gebet erhielt keine Antwort, sein Weinen keinen Trost, Gott kam vielmehr über ihn mit seinem schrecklichen Zorn. Gott entzog sich ihm und griff so in das Geschehen von Golgatha ein und machte es so zum entscheidenden Ereignis aller Zeiten.

Hier tritt Jesus ganz an unseren Platz: Jesus erlebt die Gottesferne, die über uns Sündern liegt.

Jesus erlebt die Wand, die uns von Gott trennt, an der wir uns mit unserer Sehnsucht nach Gott wund stoßen würden, Jesus trifft der Zorn, unter dem wir stehen, das Gericht, das unserer Sünde gilt. Den Unschuldigen trifft unsere Strafe.

Indem Gott Jesus Christus verlässt, „hat er den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht" (2.Korinther 5, 21). Damit macht Gott ihn uns ganz gleich.

Jesu Klage der Gottverlassenheit ist darum gleichzeitig der laute Ruf: Ihr Menschen, hört! Gott wendet sich euch wieder zu – er straft mich! Gott nimmt eure Strafe fort – er beugt mich unter seinen Zorn und richtet euch in seiner Liebe wieder auf. Indem Gott seinen Sohn richtet, beendet er sein Gericht über uns. Indem er den Christus verwirft, nimmt er uns wieder an.

Gott verwirft Christus an unserer Statt und richtet seinen Sohn, um uns zu vergeben. Gott verlässt den Gekreuzigten, das heißt: Er nimmt das Opfer seines Sohnes an.

Darum ist der trostlose Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" das trostreichste der sieben Kreuzesworte unseres Herrn – vielleicht sogar der ganzen Heiligen Schrift.

So gilt nun: Seitdem Christus von Gott verlassen war, gibt es keine Gottverlassenheit mehr. Wenn du meinst, du seiest von Gott verlassen, siehe auf Christus. Seitdem Christus unter dem Zorn Gottes gelitten hat, gibt es keine unaufhebbare Verzweiflung mehr. Wenn deine Schuld dich drückt und du meinst, dass deine Sünde zu groß sei als dass Gott sie vergeben könnte, so bist du im Irrtum. Der Gottessohn ist an deiner Statt zur Sünde gemacht, für dich gestraft, du bist sündlos.

Weil Christus leiblich („Mich dürstet") und geistlich („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?") gelitten hat, gibt es keine Not mehr, die er nicht getragen hätte. All deine Not kann nicht mehr letzte und innerste Not sein. Deine Sünde ist vergeben und deine Einsamkeit ist vorbei.