Knecht-Gottes-Lieder

Bei den vier „Knecht-Gottes-Liedern" handelt es sich um biblische Abschnitte, die ganz im Dienst der frohen Botschaft des zweiten großen Teils im Buch des Propheten Jesaja stehen (Kapitel 40 bis 55): Sie rufen das geschlagene und verzweifelte Volk Israel aus seiner Klage heraus zu neuer Hoffnung. Zugleich beweisen sie, dass der Gott des geschlagenen Volkes Israel dennoch in der Geschichte weiterwirkt.

Die vier Lieder sind wie Einzelstücke in das Buch eingefügt, aber sie stehen miteinander in engem Zusammenhang:

Das erste Lied: Kapitel 42, 1-4
Das zweite Lied: Kapitel 49, 1-6
Das dritte Lied: Kapitel 50, 4-9
Das vierte Leid: Kapitel 52, 13-53,12

Diese vier Lieder weisen von allen Texten des Alten Testamentes am deutlichsten auf das Neue Testament hinüber.

I.
Im ersten Lied bestimmt und ernennt Gott den Knecht als seinen Erwählten, rüstet ihn aus und gibt ihm eine Aufgabe: Er soll „das Recht zu den Völkern hinausbringen". Im Folgenden beschreibt er die Art und Weise seines Wirkens: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht" und das Ziel: „bis dass er auf Erden das Recht aufrichtet."

[Der Knecht Gottes das Licht der Welt]

Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

II.
Im zweiten Lied spricht der Knecht selber: Zunächst beruft er sich auf seine Erwählung durch Gott, dann sieht er auf sein bisheriges Werk an Israel zurück, das ohne Gott vergeblich gewesen wäre. Nun aber bekommt er von Gott einen weit größeren Auftrag: „So mache ich dich zum Licht der Völker."

[Der Knecht Gottes das Heil Israels und das Licht der Heiden]

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

III.
Im dritten Lied spricht der Knecht von seinem Amt. Es ist ein Wort-Amt, mit dem er den Müden helfen soll. Dieses Amt aber bringt ihn in das Leiden, dem er sich nicht entzieht, er verlässt sich geduldig auf die gewisse Hilfe Gottes, der für ihn eintreten wird.

[Der Knecht Gottes im Leiden]

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

IV.
Das vierte Lied beginnt wie das erste: Gott bestätigt die Erwählung seines Knechtes, deutet seine Erniedrigung an und versichert ihm Gelingen und Erhöhung. In Kapitel 53 spricht eine Gruppe von Menschen, die selbst durch das Werk des Knechtes gewandelt wurde. In der Erniedrigung des Gottesknechtes erkennen diese Menschen, dass dies für sie geschah. Sie erkennen und wissen, dass Gott seinen Knecht durch Leiden, Schande und Tod hindurch erhöht. Das abschließende Gotteswort über den Knecht lautet: Er wird ihn für sein stellvertretendes Leiden und Sterben erhöhen und belohnen.

[Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Knechtes Gottes]

Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken. Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

 

Die vorstehende Zusammenstellung mit den begleitenden Hinweisen hat Christiane Pohl erstellt. Hinzuweisen ist auf die Veröffentlichung von Hartmut Günther: Gottes Knecht und Gottes Recht. Zum Verständnis der Knecht-Gottes-Lieder (Oberurseler Hefte. Heft 6. Oberursel 1976, Nachdruck 1982).