Kurzpredigt: Lukas 23,46


GOTTFRIED HEYN
Passionsandacht am Mittwoch nach Judika, 9.4.2014
in der Bethlehemskirche der SELK in Hannover, 19.30 Uhr
Kurzpredigt über Lukas 23,46

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Gemeinde: Amen.

Gottes heiliges Wort, das unserer Predigt zugrunde liegt, steht im Evangelium nach Lukas im 23. Kapitel:
Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.


Liebe Gemeinde,

in diesem Jahr haben wir in den Predigten in unseren Passionsandachten sechs der sieben Worte Jesu am Kreuz betrachtet und gemeinsam darüber nachgedacht. Sie sind uns in den verschiedenen Evangelienberichten überliefert. Die kirchliche Tradition hat sie chronologisch geordnet. Der Satz aus dem Lukasevangelium, den ich eben vorgelesen habe, ist demnach der letzte, den der Herr Christus vor seinem Tod geredet hat. Ob das genau so war oder vielleicht ein bisschen anders, ist nicht entscheidend.

Wichtig und zugleich auffällig ist, was Jesus gesagt hat. Auch darüber haben wir in den vergangenen Wochen schon einiges gehört. Betrachtet man die sieben Worte Jesu am Kreuz im Zusammenhang, wird deutlich, dass sie in zwei Gruppen auseinanderfallen. Die eine Gruppe, nämlich drei der sieben Worte, sind Ausschnitte aus Psalmen. Jesus hat das getan, was wir auch tun, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen oder nichts Eigenes mehr beten können. Er hat auf den Gebetsschatz der Kirche in Bibel und Gesangbuch zurückgegriffen.

Viele von uns wissen, wie hilfreich das ist, wenn wir aus lauter Angst und Verzweiflung keinen klaren Gedanken mehr fassen können, geschweige denn ein „richtiges“ Gebet formulieren können. Dann helfen die Gebete, die andere vor uns formuliert und aufgeschrieben haben. Sie sind wie Zufluchtsorte, in die wir uns bergen können.

Die andere Gruppe, nämlich vier der sieben Worte, sind Worte, die den Gekreuzigten als den Herrn erkennbar machen, der Herr über alle Herren ist, der der Herr über Leben und Tod ist, der der allmächtige Herr ist.

Was Jesus da gesagt hat, das könnte kein sterblicher und kein sterbender Mensch jemals sagen. Ich nenne diese Worte noch einmal:

Zu seinem himmlischen Vater: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Zu dem mit ihm gekreuzigten Verbrecher: „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Zu Maria, seiner Mutter: „Frau, siehe dein Sohn.“ Und zu Johannes: „Siehe, deine Mutter.“
Zu sich selbst und als Ansage an die Welt: „Es ist vollbracht.“

In diesen Worten des zu Tode gefolterten, sterbenden Christus wird seine Herrlichkeit, sein Herr-Sein offenbar. Diese Worte sind mit einer Vollmacht gesprochen, vor der alles menschliche Gerede verstummen muss. Meist ist der Lärm unserer Umwelt und in uns selbst so laut, dass wir die flüsternd und mit vergehender Stimme gesprochenen Worte unseres Herrn nicht hören. Aber sie behalten trotzdem ihre Kraft und Gültigkeit und Einmaligkeit.

Denken wir noch einmal an die eine Gruppe von Worten, die Bruchstücke aus den Psalmen. Zuletzt wendet sich Jesus an seinen Vater. Er tut dies, indem er die Psalmen betet. Man könnte darin eine Anleitung zu „richtigen“ Sterben sehen. In der mittelalterlichen Frömmigkeit gab es die Vorstellung einer „ars moriendi“, einer „Kunst des Sterbens“. Sie hatte ihren Kern in der Anschauung des Sterbens Jesu.

So sehr ist er uns Menschen gleich geworden, dass er sich in seiner Todesnot an den allmächtigen Gott gewendet hat. Denn das ist das Einzige, was uns im Tod Halt und Trost gibt, wenn wir die Hilfe Gottes erflehen. Wie schlimm es sein muss, wenn ein Mensch ohne Trost und ohne Hoffnung stirbt, kann ich nur vage erahnen.

Jesus stammelt die auswendig gelernten Psalmverse in der Gewissheit, dass Gott seine sterbenden Worte hört und erhört.

Es ist die seltsame Erfahrung von betenden Menschen, dass sie im Moment der größten inneren Not durch das Gebet zu Gott gestärkt werden. Denn Gebete sind keine Einbahnstraße. Gott hört dich und er antwortet dir. Dessen darfst du ganz gewiss sein – so wie der Herr ganz gewiss war, dass Gott ihn hört und ihm antwortet.

Gewissheit hat etwas mit Wissen zu tun. Jesus weiß, dass sein irdischer Leib in Kürze tot sein wird. Dann sind die körperlichen Qualen, die Wunden und Schmerzen vorbei. Er weiß aber auch, dass seine Seele lebt und unsterblich bei Gott ewig aufgehoben ist.

Die heilige Schrift unterscheidet den Menschen nach Leib und Seele. Die alten Griechen dachten an eine Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist. Hier, bei unserem Herrenwort scheinen die Dinge ineinander zu fließen. Wie auch immer man sich das vorstellen will. Jesus betet hier mit

den Worten des Königs David aus Psalm 31 in dem Wissen, dass sein irdisches Leben zu Ende geht, aber in der Ewigkeit Gottes die Erlösung für alle Leiden dieser Zeit und Welt vorbereitet ist.

Liebe Gemeinde, dahin sind wir mit unserem Herrn zusammen unterwegs. Er hat uns den Weg zu Gott frei8gemacht. Er hat für uns die Ewigkeit bei Gott vorbereitet. Er hat unsere Erlösung vollbracht.

Amen.


Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Gemeinde: Amen.

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