Grußwort 2018

Hans-Jörg Voigt„Herr Jesu, deine Angst und Pein und dein betrübtes Leiden,
lass mir vor Augen allzeit sein, die Sünde zu vermeiden.“


Liebe Schwestern und Brüder,

über diese Zeilen aus dem Lied, das uns in diesem Jahr bei der Aktion „7 Wochen mit“ begleitet, kann man lange nachdenken. Mir stehen jedenfalls sofort Bilder dazu vor Augen. Die großen künstlerischen Darstellungen der Passion Jesu, in Bilder oder Töne gefasst, natürlich. Aber daneben, davor und dahinter schieben sich andere Bilder, voll von „betrübtem Leiden“, menschlichem Leiden. Nicht nur in den Fernsehnachrichten, sondern in unseren Gemeinden, in unseren diakonischen Einrichtungen, bei Mitchristen und guten Freunden. Ich sehe die „David-gegen-Goliath-Kämpfe“ mit Gerichten und Behörden um unsere getauften Gemeindeglieder, die abgeschoben werden sollen. In Gedanken bin ich an den Orten, an denen Diakonie in unserer Kirche konkret wird und welchen Betrübnissen sich da hochprofessionell und sehr engagiert entgegengestellt wird. Ich sehe die gepackten Kisten mit Hilfsgütern und die Weihnachtspäckchen, die dahin transportiert werden, wo „Angst und Pein“ herrschen. Ein Blick in die Gemeindebriefe der vielen vakanten Gemeinden unserer Kirche und ich sehe, dass die Betrübnis nicht so weit weg ist.

Die Geschichte der christlichen Frömmigkeit zeigt mir, dass das Leiden Jesu nie ohne den Blick auf das Leiden der Geschöpfe betrachtet wurde. Sünde hat Konsequenzen, denn sie ist grundsätzlich betrachtet der Zustand der von Gott getrennten Welt und die Rebellion des menschlichen Herzens gegen den Schöpfer. Zugleich gilt auch, dass Jesus Christus den direkten Zusammenhang zwischen Sünde und Leiden aufgehoben hat, denn nicht jeder der leidet wird damit für eine konkrete Sünde bestraft.

Das Höchstmaß an Konsequenzen die Schuld der Menschen hat Christus ertragen müssen, der doch als einziger völlig frei von Schuld war. Die erste Sequenz aus dem Aktionslied für das Jahr 2018 stellt uns ganz ernsthaft vor der Frage, wie wir Sünde vermeiden können im Angesicht dessen, was Jesus Christus dafür hat ertragen müssen. Aber sogleich im zweiten Vers bittet Tobias Clausnitzer, der Liederdichter, „lass Gnad vor Recht ergehen“, denn auf diese Gnade sind wir angewiesen, ja aus dieser Gnade fließt erst die von Gott selbst geschenkte Möglichkeit, in diesem Leben schon durch Versuch und Irrtum zu beginnen, „Sünde zu vermeiden“.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit mit dem Leiden Christi vor Augen, aus dem am Ende alle christliche Hoffnung und Freude fließen.

Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.

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